Wenn Schule mehr schadet als nützt
In seinem Buch „Anna, die Schule und der liebe Gott – Der Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern“ rechnet der Philosoph und Bestsellerautor Richard David Precht auf eindringliche Weise mit dem deutschen Bildungssystem ab. Er tut das nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit analytischer Klarheit, persönlichem Engagement und einem unmissverständlichen Appell: Schule, wie wir sie heute kennen, hat ausgedient. In einer Zeit, in der Bildungsdebatten wieder an Fahrt aufnehmen und alternative Lernformen an Relevanz gewinnen, wirkt Prechts 2013 erschienenes Buch aktueller denn je.
Anna und die Fragen nach Sinn und Zukunft
Im Mittelpunkt des Buchs steht Anna. Ein kluges, fragendes, neugieriges Kind, das von der Welt lernen möchte. Anna will verstehen, nicht funktionieren. Doch stattdessen gerät sie in eine Institution, die ihre natürliche Neugier in stille Mitarbeit verwandelt. Anna steht exemplarisch für Millionen Kinder, deren Bedürfnisse im Bildungssystem keine Rolle spielen.
Precht macht deutlich: Die Schule, wie wir sie heute kennen, ist ein Produkt autoritärer Erziehungsgedanken. Sie ist nicht dazu da, Menschen zu bilden, sondern dazu, sie zu sortieren. Sie bringt Disziplin, Homogenität und Vergleichbarkeit hervor, nicht Freiheit, Entfaltung oder Kreativität.
Der Mythos der Leistungsgesellschaft
Ein zentrales Argument Prechts: Schule orientiert sich nicht an den Kindern, sondern an der Vorstellung von Effizienz. Noten, Prüfungen, Stundenpläne. All das hat wenig mit Bildung im eigentlichen Sinne zu tun. Statt Lernen als lebendigen Prozess zu begreifen, wird es in standardisierte Messbarkeiten gepresst. Doch was sagen diese Zahlen tatsächlich über ein Kind aus? Und wie viel zerstören sie auf dem Weg?
Precht spricht von einem „Verrat“. Einem Verrat an dem, was Bildung eigentlich sein könnte: Persönlichkeitsentwicklung, Weltverstehen, Selbstverantwortung. Stattdessen produziert Schule oft Angst, Druck und Selbstzweifel.
Bildung als Menschenrecht, nicht als Pflichtveranstaltung
Was Precht fordert, ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel. Er macht deutlich: Bildung darf nicht länger Pflicht sein, sondern muss zum Recht auf persönliche Entfaltung werden. Lernen darf nicht Zwang sein, sondern muss wieder zum Wunsch werden. Dazu braucht es neue Lernorte, andere Strukturen und einen kulturellen Wandel in der Sichtweise auf Kinder und Lernen.
Dabei geht es nicht um einzelne Reformen, es geht um ein radikal anderes Verständnis von Bildung. Schule sollte nicht mehr Ort der Erziehung zum Gehorsam sein, sondern Ort der Ermutigung zur Selbstverantwortung.
Schule heute: zwischen Anspruch und Realität
Prechts Thesen sind provokant und zugleich erschreckend realistisch. Wer sich heute im Schulalltag umschaut, erkennt viele seiner Kritikpunkte wieder: überforderte Lehrkräfte, starre Lehrpläne, Kinder, die unter Diagnosen, Leistungsdruck oder dem ständigen „Vergleichen“ leiden. Die Pandemie hat diesen Zustand sichtbarer denn je gemacht. Verändert hat sich kaum etwas.
Das liegt nicht nur an politischen Versäumnissen, sondern auch an der tief verankerten Vorstellung, dass Schule „eben so sein muss“. Precht stellt diese Vorstellung fundamental in Frage. Und das macht sein Buch zu einem Impulsgeber für alle, die mehr wollen als Anpassung.
Konkrete Visionen statt vager Reformideen
Bemerkenswert ist, dass Precht nicht nur kritisiert. Er entwirft auch Visionen: Lernen in altersgemischten Gruppen, projektorientiert, fächerübergreifend, lebensnah. Kein starrer Stundenplan, sondern individuelle Lernpfade. Kein System aus Belohnung und Bestrafung, sondern echte Beziehungsarbeit zwischen Lernbegleiter:innen und Kindern.
Sein Ansatz erinnert an reformpädagogische Konzepte wie Montessori, Summerhill oder Demokratische Schulen. Doch Precht geht weiter: Er fordert ein öffentliches Bildungssystem, das diese Ideen nicht als Alternative, sondern als Standard begreift. Seine Forderung: Schule muss von Grund auf neu gedacht werden.
Sprache, die bewegt
Prechts Sprache ist klar, emotional und bildhaft. Er verknüpft Philosophie mit Alltagsbeobachtungen, zitiert Wissenschaft ebenso wie persönliche Erfahrungen. Das macht das Buch sowohl für Laien als auch für Fachleute interessant. Es liest sich nicht wie eine trockene Abhandlung, sondern wie ein leidenschaftliches Manifest. Dabei verliert Precht nie die Kinder aus dem Blick.
Warum dieses Buch heute wichtiger ist denn je
Seit dem Erscheinen des Buchs sind mehr als zehn Jahre vergangen. Seine Thesen sind aktueller denn je. Die Bildungsmisere hat sich verschärft: Lehrermangel, psychische Belastungen bei Schüler:innen, wachsende Bildungsungerechtigkeit. Gleichzeitig wächst das Interesse an Alternativen: Freilernergruppen, selbstbestimmte Bildungsprojekte, hybride Schulmodelle.
Diese Entwicklungen zeigen: Die Bildungsreise hat begonnen. Immer mehr Menschen hinterfragen, ob das bestehende System ihre Kinder wirklich bildet oder nur verwaltet. Prechts Buch liefert dafür die Sprache, die Argumente und den Mut, die es braucht, um neu zu denken.
Ein Weckruf – für Eltern, Lehrkräfte und Gesellschaft
„Anna, die Schule und der liebe Gott“ ist mehr als ein Sachbuch. Es ist ein Weckruf. Für alle, die sich nicht zufriedengeben wollen mit dem was wir haben . Für Eltern, die sehen, dass ihr Kind unter der Schule leidet. Für Lehrkräfte, die spüren, dass sie Kindern nicht mehr gerecht werden. Für alle, die sich eine Schule wünschen, die wieder vom Kind aus denkt.
Wer dieses Buch liest, erkennt: Schule muss nicht so sein, wie sie ist. Und Bildung darf wieder das werden, was sie immer hätte sein sollen, eine Reise zur eigenen Freiheit.

