Bildungspolitik im Showformat – was bleibt, wenn das Licht ausgeht?
Karin Prien war zu Gast beimPolitikergrillen. Im Scheinwerferlicht: Integration, Sprachtests, Quoten. Doch während das Publikum über politische Schlagworte diskutierte, verschwanden die realen Probleme deutscher Schulen erneut hinter wohlklingenden Phrasen. Die Sendung lieferte ein weiteres Beispiel dafür, wie tiefgründige Bildungsfragen im Medienformat auf Schlagzeilen reduziert werden.
Dabei ist das Fundament der Schulen längst brüchig – und die eigentlichen Baustellen unübersehbar.
Lehrkräftemangel – das Kernproblem der Bildungskrise
Die dramatischste Schieflage zeigt sich im Lehrkräftemangel. Besonders Grund- und Förderschulen stehen vor einem personellen Kollaps. Lehrkräfte fehlen in fünfstelliger Zahl. Unterricht fällt aus. Klassen werden zusammengelegt, Förderangebote gestrichen. Fachfremde Personen übernehmen oft den Unterricht, mit allen Konsequenzen für die Qualität. Prognosen der Kultusministerkonferenz zeigen: Der Personalmangel wird sich in den kommenden zehn Jahren noch verschärfen. Und doch: In der Talkrunde wird lieber über Sprachstandstests diskutiert, statt die strukturellen Ursachen anzugehen.
Burnout, Überlastung, Flucht aus dem Beruf
Lehrkräfte, die bleiben, zahlen den Preis. Burnout, Depressionen und psychosomatische Beschwerden gehören für viele zum Berufsalltag. In Schulen fehlt es an Entlastungsmodellen, an multiprofessionellen Teams, an psychologischer Begleitung. Krankenstände explodieren. Doch statt über Prävention zu sprechen, verlegen sich viele Kultusministerien aufs Wegsehen. Arbeitsbedingungen, die einst Berufung ermöglichten, treiben heute engagierte Menschen in die Resignation.
Marode Infrastruktur – Bildung im kalten Klassenzimmer
Deutschland investiert Milliarden. Nur nicht in Bildung. Seit Jahrzehnten. Undichte Fenster, kaputte Heizungen, marode Toiletten: Der Zustand der Schulgebäude ist in weiten Teilen des Landes ein Skandal. Gleichzeitig platzen Klassenräume aus allen Nähten. Differenzierung, individuelle Förderung oder ruhiges Lernen sind kaum möglich. In einem solchen Umfeld über Integration zu sprechen, während die Grundvoraussetzungen fehlen, wirkt wie blanker Zynismus.
Schulsozialarbeit – flächendeckend unterversorgt
Wer soziale Probleme lösen will, muss sie begleiten. Schulsozialarbeiter:innen sind dafür essenziell. Doch es gibt sie viel zu selten. In vielen Bundesländern teilt sich eine Sozialarbeiter:in drei oder mehr Schulen. Viele Einrichtungen gehen komplett leer aus.
In der Folge tragen Lehrkräfte auch noch die Verantwortung für Konflikte, Trauma, Armut, Gewalt. Themen, für die sie weder Zeit haben, noch eine entsprechende Ausbildung. Schulsozialarbeit wäre eine Investition in den sozialen Frieden. Stattdessen auch an dieser Stelle ein Sparposten.
Inklusion ohne Ressourcen ist Illusion
Das Bekenntnis zur Inklusion war politisch ein Meilenstein. Die Umsetzung hingegen eine Farce. Kinder mit Beeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten werden in Regelschulen aufgenommen, ohne sonderpädagogische Fachkräfte, ohne Assistenz, oft ohne Verständnis. Die Folge: Überforderte Lehrkräfte. Kinder, die auf der Strecke bleiben. Eltern, die kämpfen müssen, für jede noch so kleine Unterstützung. Inklusion, wie sie vielerorts praktiziert wird, ist nicht Teilhabe. In Deutschland ist sie strukturelles Scheitern.
Soziale Herkunft bestimmt über Bildung
Deutschlands Schulsystem verstärkt soziale Ungleichheit. Kinder aus armen oder bildungsfernen Familien haben schlechtere Chancen auf Gymnasialempfehlungen, Abitur oder Studium. Das belegen Studien seit Jahren. Frühzeitige Selektion, Notenfixierung, ein dreigliedriges System: All das ebnet Bildungswege und schließt gleichzeit aus. Statt also auf Herkunftsquoten zu starren, wäre es an der Zeit, über ein gerechteres System zu sprechen. Eines, das Kinder fördert, nicht sortiert.
Digitalisierung – die verschlafene Reform
Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wenig digital unsere Schulen sind. Weder gab es ausreichend Endgeräte noch funktionierende Plattformen. Noch immer fehlt vielerorts stabiles WLAN, die technische Ausstattung ist veraltet. Lehrer:innen erhalten kaum Fortbildung. Dabei könnte sie Lernräume öffnen, Vielfalt ermöglichen, Teilhabe sichern. Aber dafür braucht es Investitionen, Standards und Visionen.
Unterfinanzierung – Bildung auf Sparflamme
Deutschlands Ausgaben für Bildung liegen unter dem OECD-Durchschnitt. Besonders fatal: Der Mangel an langfristigen Investitionen. Förderprogramme enden, bevor sie wirken können. Es fehlt an politischem Willen, Bildung zur Chefsache zu machen. Die Konsequenz? Lehrer:innen improvisieren, Schüler:innen verlieren. Wer wirklich will, dass Kinder „ankommen“, muss bereit sein, zu investieren und umzudenken.
Es geht nicht um Tests – es geht um Menschen
Der Auftritt von Karin Prien lenkte vom eigentlichen Kern der Bildungskrise ab. Anstatt zentrale Missstände offen zu benennen, rückten Nebenthemen in den Fokus. Sprachkenntnisse und kulturelle Hintergründe wurden problematisiert als ob das deutsche Bildungssystem an den Kindern scheitern würde.
Dabei ist es genau umgekehrt: Kinder scheitern an einem Bildungssystem, das ihnen nicht gerecht wird. Weil es krankgespart, personell ausgedünnt, überlastet ist.
Wenn wir über Bildung reden, dürfen wir nicht länger um Symptome kreisen. Wir müssen endlich an die Ursachen. Und wir müssen aufhören, Kindern die Schuld zu geben für das Versagen der Erwachsenen.