Ich dachte, Schule sei ein sicherer Ort – für meinen Sohn war sie das Gegenteil

Erfahrungsbericht einer Mutter

Mein Sohn ist neun Jahre alt. Eigentlich ein fröhliches, aufgewecktes Kind mit einem großen Herzen und einem wachen Verstand. Zumindest war er das, bevor er in die Schule kam.

Ich erinnere mich noch genau an seinen ersten Schultag. Wie stolz er seine Schultüte trug, wie sehr er sich darauf freute, endlich ein „großer Junge“ zu sein. Für ihn war Schule der Ort, an dem man lernt, wächst, Freunde findet. Für mich war sie ein Versprechen: Bildung, Schutz, Förderung.

Was wir nicht wussten: Dieses Versprechen würde gebrochen werden. Stück für Stück, Tag für Tag.

Es begann schleichend. Kleine Bemerkungen von meinem Sohn am Mittagstisch. Ein Mitschüler, der ihn ständig auslachte. Ein anderer, der ihm im Klassenraum das Heft zerriss. Ich sprach mit der Lehrerin. Ihre Antwort: „Das ist in dem Alter ganz normal, das regeln die untereinander.“

Aber mein Sohn konnte das nicht alleine regeln. Weil er kein Draufgänger ist, keiner, der sich behauptet, laut ist oder zurückschubst. Er zieht sich zurück, wenn es ihm zu viel wird.

Mit der Zeit wurde aus den kleinen Vorfällen ein Muster. Er begann, sich vor der Schule zu fürchten. Morgens lag er im Bett und flehte mich an: „Bitte Mama, ich will nicht mehr hin.“

Ich suchte erneut das Gespräch mit der Schule. Wieder bei der Lehrerin, dann bei der Schulleitung. Man hörte mir zu. Versprach, „ein Auge darauf zu haben“. Doch es änderte sich nichts. Mal wurde er ausgelacht, wenn er etwas sagte. Dann wieder absichtlich ignoriert oder bei Gruppenarbeiten ausgeschlossen. Er bekam Spitznamen, die sich in der Klasse festsetzten. Niemand griff ein.

Mein Sohn, der vorher Bücher verschlungen und gerne erzählt hat, wurde still. Verschloss sich. Wollte nicht mehr lesen, nicht mehr erzählen. Er zog sich zurück.

Was mich am meisten traf: Die Hilflosigkeit. Ich hatte das Gefühl, in einer Welt aus Floskeln und Zuständigkeiten zu versinken. Niemand fühlte sich verantwortlich. Stattdessen hieß es: „Vielleicht ist er einfach sensibel. Vielleicht müsste er lernen, sich durchzusetzen.“ Nein. Mein Kind sollte nicht „lernen, sich durchzusetzen“ gegen tägliche Ausgrenzung und seelische Gewalt.

Was dabei fast unterging: Auch schulisch wurde er nicht gesehen. Er hatte in Mathe große Schwierigkeiten, doch statt Förderung gab es Tadel. Statt Hilfestellung hieß es: „Das muss jetzt aber sitzen.“ Nur der sture Blick auf den Lehrplan, auf Noten, auf das, was „sein muss“. Nach fast zwei Jahren dieser Erfahrungen, unzähligen Gesprächen, Hilferufen und schlaflosen Nächten trafen wir eine Entscheidung: Wir nahmen ihn aus der Schule. Ein schwerer Schritt. Einer, der uns Kraft, Mut und Erklärungen kostete. Aber einer, der notwendig war.

Heute besucht mein Sohn eine kleine alternative Schule. Es ist nicht alles perfekt, aber er wird gesehen. Er darf sprechen, wie er denkt. Fragen stellen, ohne ausgelacht zu werden. Er hat wieder angefangen zu lachen, geht gerne zur Schule und macht Fortschritte.

Ich wünsche mir Schulen, die zuhören. Lehrkräfte, die hinschauen. Strukturen, die nicht versagen, wenn ein Kind leise leidet. Und ich wünsche mir mehr Eltern, die sich trauen, Fragen zu stellen, auch wenn sie unbequem sind.


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